Hier haben Schüler mehr Zeit zum Durchstarten

Schüler am 3D-Drucker
Die Schülerfirma Easycharge vermittelt Jugendlichen wie Marcel, Niklas und Moritz (von rechts) im Profilfach „Technik und Management“ Einblicke ins Berufsleben. Foto: Gottfried Stoppel

Die berufliche Grafenbergschule ebnet Jugendlichen mit ganz unterschiedlichen Biografien den Weg ins Berufsleben und Studium.

Von Annette Clauß

Die Produktion in der Firma Easycharge läuft auf vollen Touren: Gleich zehn 3-D-Drucker sind im
Einsatz. An diesem Vormittag stellen sie Bauteile für eine Handyladestation her. Der Geruch von geschmolzenem Plastik liegt in der Luft. Auf dem Tisch neben den Druckern sind die ersten fertigen Exemplare der ausgedruckten Teile zu sehen: blaue und rote Kunststoffröhrchen, die als Stifthalter an der Ladestation dienen sollen.

Die Firma Easycharge ist ein besonderes Unternehmen – denn hier sind Schülerinnen und Schüler der Grafenbergschule Schorndorf dafür verantwortlich, dass alles rundläuft. Sie sind mal Chefs, mal Mitarbeitende und haben einen klaren Auftrag: Sie müssen eine kontaktlose Handyladestation selbst entwickeln. „Die Firma Easycharge haben wir gleich in der ersten Schulwoche gegründet“, erzählt der Lehrer Marc Abele. Er unterrichtet das Profilfach „Technik und Management“ am Technischen Gymnasium der Grafenbergschule. Mit seinem Kollegen Hubert Schmitt sorgt er dafür, dass die Jugendlichen einen möglichst realistischen Einblick in die Abläufe und Funktionsweise eines Unternehmens bekommen.

Daher entwerfen die Schülerinnen und Schüler nicht nur die technischen Zeichnungen für ihr Produkt, sondern sind auch für dessen Fertigung und Vermarktung zuständig, verantworten die Buchführung und Lagerhaltung der Firma und gestalten deren Homepage. Marc Abele und Hubert Schmitt sehen ihre Rolle weniger als Lehrer denn als Lernbegleiter, die den Jugendlichen den Weg ins Berufs- oder Studienleben ebnen.

In der Eingangsklasse trifft eine bunt gemischte Gruppe zusammen. „Zu uns kommen Jugendliche von fünf Schularten“, erzählt Jutta Schwarz, die den Bereich Vollzeitschulen an der Grafenbergschule leitet, „deshalb müssen wir niveaudifferenziert arbeiten.“ Etwa ein Viertel der Jugendlichen der Eingangsklasse hat zuvor eine Gemeinschaftsschule besucht. So auch der 17-jährige Moritz aus Welzheim, der mit Niklas und Marcel ein 3-D-Modell entwirft. „Für mich war von Anfang klar, dass ich Abi machen will, aber aufs Gymnasium wollte ich nicht“, sagt Moritz. Der Wechsel auf das Technische Gymnasium sei für ihn die richtige Entscheidung gewesen – technisches Interesse ist vorhanden, und die benötigte zusätzliche Fremdsprache lernt der 17-Jährige eben noch dazu. Er hat Spanisch gewählt.

Der Wechsel von der vergleichsweise kleinen Gemeinschaftsschule auf die Grafenbergschule mit ihren rund 2900 Schülern habe ihm keine Probleme bereitet, berichtet Moritz – auch wenn die Gemeinschaftsschule „mehr aufs Persönliche“ setze.

Jutta Schwarz räumt ein, dass die Grafenbergschule ein großer Standort sei, betont aber: „Wenn Schüler aus der zehnten Klasse an unsere Schule kommen, werden sie sehr individuell betreut.“ Für jeweils zehn Jugendliche stehe ein Tutor bereit, der sich kümmere und beispielsweise bei der Kurswahl berate. Hinzu kämen zwei Oberstufenberater, zwei Schulsozialarbeiter und eine Schulseelsorgerin sowie ein Sonderpädagoge, der für Schüler mit Beeinträchtigungen bereitstehe, und zwei Beratungslehrkräfte, die Schüler bei Lernschwierigkeiten unterstützten. „Das Schulgelände ist schon weitläufig, aber wir können mit einem gutem Beratungs- und Unterstützungssystem punkten“, sagt der Schulleiter Rainer Bay: „Es liegt uns am Herzen, den einzelnen Schüler im Blick zu haben.“ Die Schülerinnen und Schüler hätten sehr unterschiedliche Biografien – die Bandbreite reiche von Jugendlichen, die keinen Hauptschulabschluss haben, bis zu Meisterschülern.

Bei der Firma Easycharge ist die Produktion für diesen Tag erfolgreich gelaufen, das Ende der Schulstunde naht. Die Schüler packen ihre modernen Tablet-Computer weg, die 3-D-Drucker haben ihren Job fürs Erste getan. Technisch sei man an der Grafenbergschule bestens ausgestattet, sagt Lehrer Marc Abele und zeigt auf das Smartboard am Ende des Klassenzimmers. Dann nennt er einen weiteren Pluspunkt: „Die berufliche Schule ist ideal für Spätzünder. Die haben hier etwas mehr Zeit, um durchzustarten.“
 

Quelle
Stuttgarter Zeitung, 22.04.22, Rems-Murr-Kreis, Seite 21
Pressearbeit
sa / Grafenbergschule